New Work oder Renaissance?

Neue Arbeitsformen, Arbeiten 4.0 oder New Work - unter diversen Begrifflichkeiten diskutieren v. a. Berater und Soziologen die anstehenden oder notwendigen Veränderungen der Arbeitswelt.
Ein Beitrag zur Blogparade “Zukunft der Arbeit” der Bitkom KnowTech 2015.

von Stephan Stockhausen am 23. August 2015 in Unternehmenserfolg

Diskussion im öffentlichen Raum mag verändern, dass über Konzepte der zukünftigen Arbeitswelt nicht nur in einschlägigen Szenen debattiert wird.
Daher beteilige ich mich gern an der Blogparade der Bitkom KnowTech 2015 zum Thema Zukunft der Arbeit.
Denn auch das ist ja eine elementare Veränderung der vergangenen 15 Jahre: wir sind alle nicht mehr auf das Wissen aus Universitäten, Büchern oder Vorträgen angewiesen, denn das weltweite Netz gibt neue Möglichkeiten der Informationsverbreitung und Kollaboration.

Was bereits entstanden ist

Womit bereits ein wesentlicher Punkt genannt ist: die technische, also v. a. digitale Veränderung hat unser berufliches wie privates Leben in kurzer Zeit radikal verändert. Ich sehe:

  • Konsumenten, die sich nicht mehr willfährig veräppeln lassen, sondern ihre Meinung kund tun und sich an der Meinung anderer Kunden orientieren (s. Portale wie TripAdvisor, Facebook, Beanhunter, kununu usw.)
  • die Möglichkeiten eines schnellen und kurzfristigen Informationszugriffs (s. „Frag doch mal eben Onkel Google.“)
  • kollaborative Netzwerke, in denen gemeinsam Werte geschaffen werden (s. Wikipedia)
  • agile Prozessorganisationen, die sich auf den natürlichen Entwicklungsweg einlassen statt auf dem Papier definierte Schritte abzuarbeiten, die auf reale Probleme in der Praxis treffen
  • neue Geschäftsmodelle, die bisherige ökonomische Grundregeln brechen oder neu definieren (s. AirBnB, 7signals)
  • eine industrielle Veränderung unter dem Namen Industrie 4.0, durch die eine weitere Vernetzung automatisierter Produktion entsteht
  • Mobilität und Konnektivität haben die Wege verkürzt und es ist unter dem Stichwort Globalisierung leichter geworden, über kontinentale Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten
  • Automatisierungen vereinfachen einerseits Routinearbeiten, binden zugleich immer mehr den Kunden in Wertschöpfungsketten ein

Was ich aber auch sehe, welche Konsequenzen das für Menschen hat:

  • Familienleben und Berufstätigkeit zu vereinbaren, ist allein schon ein Managementjob, die Grenzen sind aufgeweicht und es gibt eine zunehmende Sehnsucht nach Ruhe und Verlässlichkeit
  • Verlagerung einfacher Produktionen in die dritte Welt
  • Gewinnmaximierung bei kleinen Eliten oder Global Playern, deren weltweite Macht kaum jemand durchblicken kann
  • Information ist nicht gleich Wissen; die Informationsflut sorgt für immer mehr Orientierungsschwierigkeiten und zu flachem Denken im Sinne von Anwender-Information statt kreativem Denken
  • Verdichtung der Arbeit sorgt für Stress, mangelnde Kreativität, Entscheidungsermüdung und gestresste Kommunikation; Arbeit macht zunehmend auch krank
  • einfache Arbeiten verlieren an Wert
  • stetiges Senden und Empfangen auf diversen Kanälen sorgt bisweilen für ADS-Kommunikation, sie wird oberflächlicher und unverbindlicher
  • (freie) Zeit löst immer mehr Geld als Währung ab
  • Menschen verlieren immer mehr den Bezug zu sich und ihren Gefühlen

Die neue Arbeit ist also schon lange da, sie hat sich mit der digitalen Veränderung und all ihren positiven wie schwierigen Auswirkungen eingeschlichen. Politik spielt für all diese Entwicklung eine zunehmend kleinere Rolle. Die heutige Politik scheitert an Komplexität, Diversität und Tempo in unserer Gesellschaft. Impulse setzt sie schon lange nicht mehr.
Denn Kultur wird um uns herum wirtschaftlich geprägt.
New Work als Konzept sehe ich bislang jedoch nicht. Es wird mindestens zwei Komponenten brauchen, damit Arbeit in Zukunft menschlichen Bedürfnissen gerecht wird:

  • Wie werden die Möglichkeiten/Tools/Werkzeuge der neuen Arbeitswelt genutzt?
  • Wie wollen Menschen darin menschgerecht leben und arbeiten?

Mir persönlich ist die zweite Frage wichtig. Hinter der technischen und strukturellen Veränderung sehe ich einen zunehmenden kulturellen Wandel.
Höher, weiter, schneller hat sich als Ziel zunehmend selbst ad absurdum geführt.
Die Frage nach dem Sinn und dem Wert nimmt zu.
Das Echte bekommt wieder Wert.
Menschen kollaborieren nicht nur, weil es die technischen Möglichkeiten gibt, sondern weil es offenbar ein tiefes menschliches Bedürfnis ist, seinen Beitrag in Verbundenheit mit anderen zu einem Ganzen zu leisten. Kollaboration ist eben auch das Erfolgsgeheimnis der Evolution des homo sapiens.

Der Mensch hat 5 natürliche Bedürfnisse im Miteinander: Sicherheit, Zugehörigkeit, Fairness, Autonomie und Status.

Diesem Bedürfnis nicht nur gerecht zu werden, sondern ihm Räume und Möglichkeiten zu schaffen - das ist New Work für die ich brenne. Dafür braucht es neben digitalen Plattformen eine Haltung der Wertschätzung, des Respekts, der Demut und des Miteinanders, die im Menschen liegt und weder angeordnet, gesetzlich vorgeschrieben noch digital programmierbar ist.
Sie ist nur entwickelbar.
Und so lange der Mainstream den Egoismus und Narzissmus als mentales Modell lobpreist, werden humanistische Strömungen ein Nischenthema bleiben.

Es braucht eine Renaissance des guten Denkens und Fühlens.

Eine Wiedergeburt alten Wissens nehmen wir in der westlichen Welt bereits gern an - wenn es aus dem fernöstlichen Raum kommt. Das alte Wissen darüber, was Mensch-Sein auszeichnet, was ihm gut und was auch miteinander gut tut, ist ja längst vorhanden. Das insbesondere die westliche Kultur der vergangenen Jahrzehnte keine global funktionierende Idee sein kann, wird immer sichtbarer.
Was wollen wir also wirklich?

Und diese Frage können sich Unternehmen nur sehr individuell beantworten. Hier sind alle Köpfe in Unternehmen gefragt.
Was ist Erfolg für mich/uns?
Wie soll die Zukunft UNSERER Arbeit aussehen und mit wem leisten wir sie?
Welchen Beitrag wollen wir zum Ganzen leisten?
Wie sehr behandeln wir Menschen (uns selbst, Beschäftigte, Kunden, Lieferanten usw.) als Objekte?


Über New Work wird der Bäcker um die Ecke anders nachdenken als die Reinigungskraft, die Führungskraft im Mittelbau eines Großkonzerns oder der mittelständische Unternehmer im globalen Wettbewerb. Es gibt keine einfachen Antworten. Und schon gar keine vereinfacht generalisierten. Es gibt Verantwortung des einzelnen in seiner Rolle. Und die Chance (für manchen auch Last), sich dieser zu stellen.

Ein Beispiel: privat kann es mich zur völligen Weißglut bringen, wenn ich sehe, was sich der Konzern Nestlé in Entwicklungsländern zur reinen Profitmaximierung erlaubt. Und wenn ich persönlich in der Zentrale auftauchen wollte, es wird nichts ändern: hat moralische Degeneration erst einmal Macht, ist sie i.d.R. vor ethischer Rebellion immun. Aber ich kann im Kleinen entscheiden. Unseren Kunden bieten wir das Quellwasser von Vica con Agua, nicht nur für den direkten Spendeneffekt für deren Trinkwasserprojekte, sondern auch um Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu verantwortungsbewussten Entscheidungen beim Wasserkauf anzuregen.

Die Rolle der Berater

Wir Berater gut daran, die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit der digitalen Veränderung zu sehen und zu gestalten. Menschen Autonomie und Wachstum in Verbundenheit und Verantwortung zu ermöglichen - das sind Kulturen, die Menschen anziehen und ermöglichen, Liebe zu sich selbst und zu anderen zu leben. Dabei sind unsere professionellen Methoden und Ideen genauso wenig die Lösungen wie es Plattformen, Barcamps, Netzwerke o.ä. sein werden. Die Landkarte ist eben nicht die Landschaft. Sie ist ein Mittel zur Orientierung. Berater sollten also weder Klugscheißer noch Erfüllungsgehilfen sein, sondern sich engagieren: als Aufklärer, Kulturbotschafter und Feuerentzünder wie auch als gestaltender Kulturraumkünstler.

Aufklärung ist der Austritt des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Über Bewusstsein, Dialogräume, Reflexion und persönliche Entwicklung diesen Schritt zu wagen und dabei zu nutzen, was sich an Hilfmitteln bietet - darin sehe ich ein gutes Ziel ethischer Organisationsberatung. Daher ist der Wert eines Projektes wie AUGENHÖHE nicht hoch genug einzuschätzen.

Wir sollten uns bewusst vor Augen halten, dass unser Wirtschaftsleben ein luxuriöser Zustand ist, von dem die Mehrheit auf diesem Planeten nur träumen kann.
Wir tragen Verantwortung, daraus etwas zu gestalten und den Wohlstandsvorsprung zu nutzen, um Besseres statt Mehr zu entwickeln.
Wir Berater bringen einen echten Mehrwert, wenn wir dieses Bewusstsein ermöglichen und letztlich echte Wertschöpfung und wirkliches Mensch-Sein in Unternehmen wächst.

Dabei orientiere ich mich gern z. B. Michelangelo in der Renaissance:
New Work entsteht da, wo mit Menschen aus Unternehmen das Überflüssige entfernt wird - das Leben ist schon da.

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