Krisensicheres Leadership

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Leadership bedeutet, auch in krisenhaften Situationen, in Komplexität und in Entscheidungssituationen ohne Gewissheiten kraftvoll und klar handeln zu können. Es gibt dabei klassische Entscheidungs- und Beurteilungsfehler, die entstehen können, weil Emotionen und Instinkte (also das schnelle Denken) Vorrang vor der Vernunft und Reflexion (also dem langsamen Denken) haben.

Der praefrontale Kortex ist so was wie die Exekutive im Gehirn, der Teil der ausführt und entscheidet. Gedanken und Emotionen laufen hier zusammen und es wird als Sitz unseres Bewusstseins verstanden. Diesen Teil des Gehirns zu trainieren, ist also auch Training der Führungs- und Entscheidungsqualität.

Die eigenen Muster zu kennen und zu verstehen, den eigenen mentalen Modellen auf die Schliche zu kommen, ist damit eine wichtige Zutat, um krisensicher anführen zu können. Andere zu führen, heißt also, sich selbst zu führen. Und sich dafür selbst gefunden zu haben bzw. dieses Vorhaben immer wieder anzugehen, ist der notwendige Schritt dorthin.

Selbstfindung bedeutet also, sich selbst verstehen zu lernen. Echte Leadershipkompetenz bedeutet genau das: erst mich selbst und dann die anderen zu verstehen.

Und zum Verstehen gehört vor allem, die eigenen mentalen Modelle zu verstehen. Das sind unsere Glaubenssätze, Antreiber, tief sitzenden Grundannahmen. Diese haben wir oftmals in der Kindheit oder in späteren Krisensituationen von anderen übernommen oder als scheinbar überlebenswichtige Strategie, als Muster unbewusst tief verankert.

Sie bestimmen, wie wir unsere Wahrnehmung einfärben, wie wir sie bewerten. Und damit, was wir fühlen, denn Emotionen folgen unweigerlich als Reaktion auf unsere Bewertung der Realität. Das geschieht blitzschnell und i.d.R. unbewusst, damit außerhalb der Steuerung. Und damit wird die Welt und wie wir sie erleben zu einer Realität in unserem Kopf.

Zugleich wollen wir manche dieser Gefühle schlichtweg nicht erleben. Das macht ja auch Krisen so belastend. Ohnmacht, Unsicherheit, Überforderung, Verzweiflung, Scham…es gibt eine lange Reihe unangenehmer Gefühle, die wir uns selbst selten gönnen, geschweige denn, dass wir sie liebevoll umarmen. Die meisten Leader denken zugleich, dass sie all das gar nicht fühlen dürfen, wenn sie stark und klar und souverän sein wollen - und schon stecken sie im mentalen Modell „Sei stark.“ oder „Fühl nicht.“ o.a. fest.

Und das selbst dann, wenn es ihnen an Vertrauen in ihre eigenen Kompetenzen fehlt und sie gleichzeitig ihre Inkompetenzen, Fehlbarkeiten oder Unsicherheiten nicht akzeptieren können/wollen. Es herrscht dann eine große Angst vorm Scheitern. Und diese Angst befördert selten wirklich Fruchtbares, Kreatives, Wertvolles zu Tage, sondern eher die schwierigen Abwehrmechanismen. Es gibt viel weniger Narzissten auf Leaderpositionen als gemeinhin behauptet wird. Aber es gibt doch einige, die mit unreflektierten mentalen Modellen aus der Kindheit in hohe Verantwortung kommen. Das sind eigentlich kleine Helden in großer Not.

Für sie gilt erst recht, was für alle Leader und ihre Schattenseiten gilt:

Entwickelt die Fähigkeit, euch selbst anzunehmen. Seid gewiss, dass okay ist, zu scheitern, es ist okay, verletzbar zu sein. Die beste Art mit Unsicherheit und Angst umzugehen, ist, sie anzunehmen.

Denn Angst und Unsicherheit lehrt uns, zuzuhören. Wenn ich mich für fähig halte, höre ich nur, was meine eigenen Annahmen bestätigt oder das, was zu meinen eigenen Kompetenzen passt.

Gestehe ich mir zuerst die eigene Unfähigkeit ein, wenn ich eingestehe, was ich nicht weiß - dann öffne ich mich neuen Möglichkeiten. Das bedeutet auch, zu erkennen: Ich muss nicht für jedes Problem eine Lösung haben. Es gibt mir die Freiheit, die eigentliche Ursache zu finden. Ich kann dann andere mobilisieren, die helfen könnten. Damit springe ich als Leader aus der Grundannahme, ich allein müsste immer alles im Griff haben, steuern können.

Es ist ein Weg der Selbststeuerung, der nicht durch Lesen dieser Zeilen entsteht. Es ist tägliche Übung und Praxis. Für die wahren Leader in meinem Kundenkreis bin ich dafür liebend gern Sparringspartner, ebenso unwissend neugierig in ihre Welt fragend, mit echtem Interesse am Verstehen. Daraus entstehen Dialogräume, mit Fragen und Möglichkeitsräumen, mit Akupunkturnadeln in mentale Modelle hinein. Wald & Talk ist dafür ein wunderbarer und natürlicher Raum im Außen.

Daneben, zusätzlich, grundsätzlich kann jeder Leader aber auch selbst für krisenfestes Leadership sorgen. Aus der eigenen Praxis (ja, auch ich arbeite täglich an meinen mentalen Modellen bzw. der Selbststeuerung meines schnellen und langsamen Denkens) empfehle ich daher gern folgende Zutaten:

  • Täglich mindestens 15 Minuten meditieren.
    Das beruhigt den Geist, reduziert Stress, hilft Emotionen zu regulieren und senkt den Blutdruck. Es geht dabei nicht darum, gedankenlos zu werden. Sondern still zu sitzen, ruhig zu atmen, sich selbst beim Denken zu beobachten, also Gedanken kommen und ziehen zu lassen. Es hilft zugleich, sich selbst dabei zu sagen: „Ich glaube nicht alles, was ich denke.“ 15 Minuten sind 1% unseres Tages. Eine lächerlich kleine Investition mit Blick auf den ROI. Alternativ oder zusätzlich geht es auch, sich jede Stunde eine Minute des ruhigen Sitzens und der bewussten Atmung zu gönnen. Meditation ist für mich ein wertvolles Morgenritual, das ich gern mit Bewegung, also Yoga verbinde. Und es ist das Abendritual vor dem Schlafengehen (gern verbunden mit ausgesprochenem Dank für die Erlebnisse des Tages).
  • Denn die weitere gute Zutat für krisenfestes Leadership ist ausreichender Schlaf. Ich halte es für eine Mär, dass produktive, effektive Menschen mit wenig Schlaf auskommen. Sie sind einfach getrieben wie der Hamster im Rad. Das ist etwas anderes. Tiefer, erholsamer Schlaf sorgt für eine andere Grundruhe und den Abbau all der Stresshormone, die der Körper am Tag ausgeschüttet hat. Sind wir viel zu sehr „im Film“ ist schlechter Schlaf (kurze Tiefschlafphasen, schlechtes Ein- oder Durchschlafen, nächtliches Grübeln, morgendliche Bettflucht usw.) nur die erste Alarmreaktion unseres Körpers. Und es ist die hartnäckigste, denn dieses Symptom verschwindet als letztes und erst nach langer Zeit - dafür sind zwei Wochen Urlaub definitiv nicht ausreichend.
  • Mindestens 30 Minuten körperliche Betätigung am Tag hilft dem Gehirn, sich zu erholen und wichtige Endorphine auszuschütten. Leichtes Joggen mag dazu dienen, ein paar einfache Dehn- und Muskelübungen auch. Achtung: Wer meint, dass Auspowern und heftiges Pumpen dem Stressabbau diene: Das stimmt nicht. Es ist nur anderer Stress. Persönlich bin ich dankbar für eine Einzelstunden mit meinem Yogalehrer Erkan. Yoga hilft einfach, Körper und Geist zu vereinen. Nach zwei Monaten hat sich eine feste Abfolge aus Atem- und Dehnübungen sowie jeweils sieben Durchgängen von zwei unterschiedlichen Bewegungsabläufen „Sonnengruß“ als mein Morgenritual etabliert.
  • Eine weitere zentrale Zutat ist, positives Denken zu praktizieren. Negative Gedanken schütten im Gehirn Kortisol aus, das erzeugt Mikrostress. Stattdessen negative Gedanken in positive umzuwandeln, sorgt für tiefe innere Ruhe und Gelassenheit. Gerade in krisenhaften Momenten. In Coronazeiten beispielsweise Einfachheit als neuen Luxus zu erleben war ein solcher Umwandlungsprozess. Die Ruhe zu genießen, die im Wald oder Park plötzlich zu erleben war.
  • Emotionale Gesundheit bedeutet, Mitgefühl mit sich und anderen zu lernen. Das Herz wird weit. In anderen das Liebenswerte zu entdecken oder das Grundbedürfnis, geliebt und anerkannt zu werden (das haben wir alle gleichermaßen in uns), im Tun eines anderen Menschen zu sehen - all das öffnet unser Herz für unsere Umwelt. Oder eine oder zwei Stunden die Woche damit zu verbringen, anderen einen Dienst zu erweisen. Ohne dabei etwas zu erwarten - nicht mal Anerkennung.
  • Lebensmittel sind die Mittel zum Leben. Der Mensch ist, was er isst.
    Gesunde und ausgewogene Ernährung sind die Grundlage jeder Leistungsfähigkeit. Über das Thema selbst könnte ein eigener Blog geschrieben werden, daher unterlasse ich mal weitere Empfehlungen. Es braucht aber auch keine Ernährungsberatung, um sich selbst artgerecht zu halten.
  • "Und dann braucht es ja auch noch Zeit, einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen." (Piipi Langstrumpf) Verbringen Sie regelmäßig Zeit allein. Wer allein mit den eigenen Emotionen sein kann, lernt sie zu verarbeiten. Das ist eine essenzielle Zutat. Gerade für diejenigen Leader, die viel wahr- und aufnehmen, sensibel sind, den Empfangskanal weit geöffnet haben, braucht es Zeiten der inneren Leerung und Verarbeitung. Des Mit-Sich-Seins und In-Sich-Lauschens. Anzunehmen und zu akzeptieren, was ich fühle, ist eine schwierigere Aufgabe als es zunächst scheint. Und manches Mal tut auch der Raum der langen Weile gut - denn erst dahinter entstehen wahre Kreativität und Schöpfergeist.

All diese Übungen helfen dabei, unser Bewusstsein zu stärken und den präfrontalen Kortex zu trainieren. Sie sind mehr als Stressbekämpfung.

Stressbekämpfung ist nur ein wundervolles Nebenprodukt von Bewusstheit. Meistens sind wir aus zwei Gründen gestresst: Entweder springen wir in die Vergangenheit und brüten darüber, was passiert ist, oder wir springen in die Zukunft und denken daran, welche Konsequenzen auftreten könnten. Wer im jetzigen Moment, also im Hier und Jetzt ist, zu sich selbst Abstand nehmen kann, merkt, dass seine Angst unbegründet ist. Die Freiheit, nicht gestresst zu sein, ist ein kraftvolles Instrument, um Potenzial zu entfalten, statt sich von einer Idee behindern zu lassen, die man selbst geschaffen hat.

Aus meiner Erfahrung agieren Menschen häufig in Realitäten, die nicht wirklich existieren. Das bedeutet auch, dass sie Probleme lösen, die es nicht gibt. Die meisten dieser Realitäten sind Gedankenmodelle, die wir auf Basis unserer eigenen Erfahrungen bauen: wie wir aufwuchsen und all die wiederholten Einprägungen, die verschiedene Beziehungen in uns hinterlassen haben. Um sich davon zu lösen, brauchen wir die beschriebene Art Helikopter-Sicht auf uns selbst.

Bewusstheit ist damit eine Kraft, die in jedem von uns steckt. Die Kraft, etwas zu verändern, Teil einer Lösung zu sein, statt Teil eines Problems. Und diese Kraft finde ich, indem ich achtsam bin, in allem, was ich tue. Das betrifft alle Lebensbereiche, nicht nur Arbeit.