Soziale Ansteckung
1998 in Tennessee: Nachdem sie den vermeintlichen beißenden benzinähnlichen Gasgeruch wahrgenommen hatte, klagte eine Lehrerin vor ihrer Klasse über Übelkeit und Kopfschmerzen. Anschließend berichteten mehr als 100 Schüler und Lehrer von denselben Symptomen. Die Schule wurde evakuiert, 38 Personen blieben wegen ihrer Beschwerden über Nacht im Krankenhaus. Als die Schule nach 5 Tagen wieder geöffnet wurde, suchten erneut 71 Personen die Notaufnahme auf. Erstaunlich: trotz intensivster Suche und Analyse konnte weder ausströmendes Gas, ein Giftstoff oder eine andere Ursache für die Symptome gefunden werden. Zugleich fanden Forscher später heraus, dass die Symptome besonders stark ausgeprägt waren, wenn die beste Freundin / der beste Freund betroffen gewesen sind. Offenbar haben sich die Betroffenen an den negativen Gedanken der anderen in einer Art Massenpsychose angesteckt.
Es gibt weitere Beispiele dieser Art im Großen wie im Kleinen. Sie zeigen, wie Menschen von ihrem Unterbewusstsein gesteuert werden und dies durchaus zu körperlichen Symptomen führen kann. Unser Bewusstsein steuert weniger als manchem Menschen lieb ist.
Besonders deutlich ausgeprägt scheint das menschliche Angst- und Paniksystem mit seinem Bedürfnis nach Schutz, Harmonie, Sicherheit und Beständigkeit zu sein. Reale, v. a. aber eher diffuse, wenig greifbare, komplexe oder aufgebauschte Bedrohungsszenarien wie Schweinegrippe oder Vulkanasche in 6000 Meter Höhe sorgen für angstbasierte Reaktionen, die nachträglich eine rationale Erklärung bekommen. Dagegen ist z. B. in England statistisch das Risiko, von einem Hund totgebissen zu werden größer, als von einem Terroristen getötet zu werden.
Bloß kein Risiko! Das scheint uns unser Unterbewusstsein immer wieder einzuflüstern. Sicherlich ein Grund, warum Menschen im Coaching einerseits den inneren Veränderungswunsch spüren, zugleich das „Ja, aber…“ im Kopf hören. Die beiden anderen wichtigen Emotionssysteme in unserem Gehirn, Stimulanz und Dominanz, werden offensichtlich nicht auf diffusen Verdacht hin aktiv wie das Balancesystem. Hier werden eher konkrete Bilder oder Anziehungspunkte benötigt, um Vorfreude, Siegeswillen, Stolz und Aktivität in unserem Gehirn zu stimulieren und uns in Bewegung zu setzen.
Aufgrund unserer Unterschiedlichkeit entsteht dies leider nicht in Form sozialer Ansteckung. Menschen bewundern zwar die Pionierleistungen anderer, ahmen diese jedoch selten kollektiv nach. Seinen eigenen Lebensentwurf zu gestalten, bedeutet daher, den Rahmen seiner Möglichkeiten auszuschöpfen und seine Visionen Realität werden zu lassen. Coaching dient v. a. dazu, unbewusste Lösungsideen, Antworten und Verhaltensmuster zu adressieren und zu aktivieren. Für uns Coaches ist es eine besondere Freude, anschließend Menschen bei ihrer Umsetzung zu erleben, die von Freude und Vitalität geprägt ist.
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Autor
Stephan Stockhausen
Veröffentlicht
30. April 2010