Online-Coaching
Als Anbieter unterschiedlicher Coachingangebote sowie einer Coachingausbildung begegnet mir immer wieder die Frage zum Vorgehen im Prozess und zur Position zu anderen Coachingformen oder -vorgehensweisen. Insbesondere Online-Coaching wird in der Öffentlichkeit kritisch diskutiert und entsprechend hinterfragt.
Mit einer Grundausbildung in Themenzentrierter Interaktion (TZI) entsteht hierzu recht schnell eine Position. Wie möge man denn auf dem Online-Weg z. B. Körpersignale beim anderen wahrnehmen?
Bayern-Trainer Louis van Gaal brachte den Wesenskern von Kommunikation in einem Interview wie folgt auf den Punkt: „Als ich klein war, woraus bestand meine Welt? Der Lehrer in der Schule, der Pastor in der Kirche und meine Eltern. Und jetzt? Macht es pling und die Kinder sind mit der Welt verbunden. Chatten ist nur schreiben. Aber ich schaue Sie an, ich entwickle ein Gefühl für Ihre Persönlichkeit – das ist Kommunikation! Man muss sich sehen, wenn man miteinander redet. Sonst bleibt alles kalt.“
Mit dem Wissen um die Funktionsweise des Gehirns verstärkt sich die kritische Haltung. Coaching adressiert das Unterbewusstsein und die Lösungen des Gegenübers, die dort bereits zum Anliegen schlummern. Die Gestaltung einer Situation, in der „erlebt“ wird, ist eine zentrale Aufgabe des Coaches. Unmittelbare, spontane Reaktionen sind es zumeist, die ein Coaching zum Erfolg führen.
Der Mensch denkt unbewusst. Das Bewusstsein erreicht lediglich ein Bruchteil der Wahrnehmungen. Unser Unterbewusstsein filtert und entscheidet, welche Informationen an die begrenzte Kapazität des Bewusstseins weitergegeben werden. Damit beschränkt sich Online-Coaching auf den „gefilterten“ Teil von Interaktion. Nachdenken des Bewusstseins verfehlt den eigentlichen Coachingsinn.
Denn: Routineabweichungen bedeuten „Schmerz“ im Gehirn, trotz aller „vernünftigen“ Überlegungen, sind unterbewusste Reaktionen machtvoller als jeder Veränderungswunsch. Motive und Einstellungen sind als Verdrahtungen im Gehirn angelegt, Coaching ist der gestaltete Prozess, neue Verdrahtungen aufzubauen. Und dies geht leider nur, wenn mehr als der für das rationale Denken zuständige Hirnteil beteiligt ist.
Nicht zuletzt sollte die Motivation des Kunden zum Online-Coaching kritisch hinterfragt werden. Wofür stehen eigentlich der Wunsch nach Anonymität oder dem Schutzraum der schriftlichen Kommunikation, die Hemmschwellen vor dem persönlichen Kontakt oder die Coachingintensität?
Online-Coaching mag sicherlich eine Hilfe sein und wirken. Das Fehlen wesentlicher Elemente (z. B. auch der Kraft der Visualisierung) führt jedoch zu der Einschätzung, dass dies eine grundsätzlich andere Beratungsform und mithin nicht wirklich Coaching ist.
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Autor
Stephan Stockhausen
Veröffentlicht
10. Mai 2010
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