Natürlich Netzwerken
An der Kasse sagt mir mein Bochumer Lieblingsitaliener Costantino, es sei bereits gezahlt. Bei wem soll ich mich aber bedanken. Er grinst. Schenkt mir noch einen Grappa ein. Um mir vertraulich zuzuraunen: der Kaffeemann. So überraschend bin ich noch nie eingeladen worden.
Überrascht ziehe ich von dannen, um mich kurz darauf in meinem Stammcafé blicken zu lassen. Dort verrät mir Inhaber Richard, dass dies Ausdruck seines Dankes für die Vernetzung mit dem Bäcker Lars sei. Mit dem arbeite die Rösterei nun zusammen, habe eine eigene Mischung kreiert, die ich dann auch beim Bäcker entdecke (und sich dort hervorragend verkauft). Kurz darauf sehe ich zudem das Rösterei-Logo auf der Brötchentüte – kostenfreie Werbung für den Röster, denn Lars zeigt offen, mit wem er lokal zusammenarbeitet.
Das verbindende Element war ich. Beide sind Lieferanten meines Unternehmens und ausgesprochen wertgeschätzte Kontakte, mit denen ich gern über mehr als nur Geschäft spreche. Zum Beispiel über gutes, echtes Essen. So tauschen wir regelmäßig neue gastronomische Entdeckungen und Tipps aus – ein verbindendes Element aller drei (nur so bin ich überhaupt an Costantino und Sergio gekommen…). Irgendwann gab ich Lars den Impuls, doch mal Richard zu besuchen und kennenzulernen. Daraus ergab sich deren Kooperation. Ihr Vertrauen wuchs schneller durch die gemeinsame Kontaktperson, der sie vertrauen. Dieses Vertrauen färbte direkt ab und erlaubte eine beschleunigte und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Uns drei verbindet nämlich auch, dass Geldverdienen um jeden Preis nicht unserer Mentalität entspricht.
Beim diesjährigen Libri.Campus durfte ich Workshops zum Thema „Natürlich Netzwerken“ moderieren. Auffällig war die neu entstandene Fixierung auf Social Networking, in diesem Fall Facebook (Interessanterweise von einem Teilnehmer mit „Gesichtsbuch“ übersetzt. Da fiel mir dann ein Münchner Buchhändler ein, der es bislang als einziger geschafft hat, dass ich meinen Buchkauf dauerhaft mit einem Gesicht verbunden habe.). Für das natürliche, ganz selbstverständliche Netzwerken musste ich mitunter wieder sensibilisieren. Der Mensch tut es ohnehin, aus eigenem Antrieb und mit vielen positiven Erfahrungen. Es ist eine Erfolgsstrategie der Evolution, dass wir vernetzt denken und leben.
Umso spannender erscheint mir die Strategie, allen Online-Aktivitäten, die sicher effizient sein mögen (Thema Reichweite) die natürliche, sprich persönliche Variante mindestens zur Seite zu stellen – wenn nicht sogar wichtiger zu nehmen. Sie könnte effektiver sein
Denn im betriebenen „Aufwand“, der investierten Zeit, der gestalteten Form steckt eine Botschaft – nämlich zur Wertschätzung und Bedeutung des Netzwerkpartners. Mehr Investition bedeutet möglicherweise mehr Tiefe, damit mehr Loyalität zueinander. Alternativ muss ich viel Aufwand betreiben, um mit Besonderem aus dem Kommunikationsrauschen aufzufallen und als digitaler Freund aufzufallen. Zm Nulltarif gibt es Netzwerke ohnehin nicht.
Für viele bedeutet Netzwerken einfach nur: Verkaufen. Sie schauen auf einen kurzen Return on Invest. Beim Libri.Campus habe ich spannende Geschichten gehört, wie Netzwerkinvestitionen langfristig in ganz anderer Form „zurückkommen“. Passt eine Bilanz dauerhaft nicht, sollte man zudem prüfen, wie echt der Kontakt ist. Das gönne ich mir übrigens auch bei jeder Netzwerkanfrage bei XING, wenn ich den anfragenden Partner persönlich gar nicht kenne. Unglaublich manchmal, wie Menschen darauf reagieren, wenn ich frage: Was sind Ihre Ideen, wie der Kontakt lebendig werden kann?
Social Networking heißt der Trend. Er ist alt. Soziales Vernetzen ist so alt wie die Menschheitsgeschichte, früher lief dies nur wesentlich persönlicher. Jeder prüfe selbst, wie viel er in digitale und wie viel in persönliche Netzwerke investiert. Wen können Sie mir denn warum empfehlen?
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Autor
Stephan Stockhausen
Veröffentlicht
18. Mai 2011