Manufaktur für Wachstum

Lebenstraum, WDR2 und die Selbstverantwortung

Lebenstraum, WDR2 und die Selbstverantwortung

„WDR2 schenkt Ihnen ein Jahr.“ Und nimmt Ihnen die Verantwortung für sich selbst?!

Einer der ersten Gedanken war: Was für eine Steilvorlage für Guerillamarketing. Da wirbt ein öffentlich-rechtlicher Sender mit einer Aktion, die jedem Privatsender bestens zu Gesicht steht: Sie wollen einen Lebenstraum verwirklichen und sind davon meilenweit entfernt, also zahlen wir Ihnen ein Jahr lang mal eben, was Sie so brauchen.
Im Kinospot dazu wird man ermuntert, aus der grauen Masse auszubrechen und sozusagen gegen den Strom zu schwimmen.

Mein Gott, was für ein Quatsch.
Natürlich nicht, sich seinen Lebenstraum zu verwirklichen.
Aber darauf zu bauen, dass er fremdfinanziert wird.
Naja, Lotto lebt von dieser Idee ja auch ganz gut.

Das Bequeme daran ist ja: Die Verantwortung tragen andere.
Darin richtet sich leider so mancher Zeitgenosse bequem ein. Ich kann doch nicht, weil…

  • mein Chef das nicht erlaubt.
  • mein Partner da nicht mitmacht.
  • die Kunden irgendwie anders sind.
  • meine Mitarbeiter einfach so blöd sind.
  • noch dies oder das passieren muss.
  • schließlich dies und das doch bezahlt sein muss.
  • die Lehrer mir einfach den Spaß am Lernen versaut haben.
  • meine Eltern das früher an mir versaut haben.
  • Gott etwas anderes mit mir geplant hat.
    Ach, die Liste lässt sich unendlich fortsetzen. In der Sozialarbeit habe ich Menschen erlebt, die sich häufig durch „Hilfe“ von KollegInnen des eigenen Berufsstandes derart in ihrer Opferrolle eingerichtet haben, dass es mir wie das elfte Gebot vorkam:
    Du sollst die Finger von der Selbstverantwortung lassen.

Als Coach begegnet mir die Lust an der Externalisierung (so der Fachbegriff zu dieser Haltung) zwar auch immer wieder. Zugleich erlebe ich, wie viel Freude es beiden Seiten bereitet, wenn die inneren Bremsen gelöst, Glaubenssätze umformuliert und die Lust an der Selbstverantwortung gestärkt werden. Daher ist die Manufaktur für Wachstum auch eine Unternehmerberatung – wir wollen Menschen begleiten, die etwas unternehmen wollen.
Die WDR2-Kampagne wirft für mich sofort die Fragen auf:

  • Was braucht Mensch, um selbst die Verantwortung zu übernehmen, ab morgen das zu sein, zu leben, zu geben und zu tun, was Mensch will?
  • Und was braucht es eigentlich, mit dem zufrieden zu sein, was Mensch sich selbst geschaffen hat?

Mir fallen spontan reichlich Kunden ein, die mich mit ihren Entschlüssen überraschen, die mir imponieren – weil sie tun, was sie wirklich wollen. Glücklicherweise erlebe ich drei dieser Unternehmerinnen täglich um mich herum, jede mit ihrer ganz eigenen Geschichte des Aufbruchs, des Muts und des Loslassens.
In der aktuellen Coachingausbildung ziehen alle den Hut vor Christiane, die ihren Lebenstraum innerhalb eines halben Jahres selbst aus dem Gefängnis liebgewonnener Glaubenssätze befreit hat und sich in drei Wochen selbständig machen wird. Respekt!

Die Beispielliste könnte ich jetzt auch munter weiterführen. Wichtiger scheinen mir doch die o. g. Frage:
Was braucht Mensch, um selbst die Verantwortung zu übernehmen, ab morgen das zu sein, zu leben, zu geben und zu tun, was Mensch will?

Wer sich weiter ermuntern lassen will, dem empfehle ich entweder „Egal was du denkst..“ als Lektüre oder Pepe Danquards „Am Limit“ über die Huber-Buam als filmische Inspiration.

Kommentare

Christiane Schnitzler am 13. September 2011:

Seit einigen Monaten wechseln sich Wochenmagazine und Fernsehberichte damit ab, über das Thema Burn-Out zu berichten. Wird der Dauer-„Burner“ nun vom Thema „Glücklich leben“ abgelöst? WDR bezahlt den Traum auf Zeit, Pro7 sendet den „Glücksreport“ mit dem Untertitel, dass man Glück lernen kann. Wir Coaches können uns über diese Hinwendung zur Lösung natürlich nur freuen.

Tja: Was braucht Mensch, um selbst die Verantwortung zu übernehmen, ab morgen das zu sein, zu leben, zu geben und zu tun, was Mensch will?

Vielleicht zuerst einmal die Überzeugung, dass es erstrebenswert ist, glücklich zu sein. Huch? Ist das nicht selbstverständlich? Wenn ich sehe, wie viele Menschen bis in den Burn-Out gegen ihre Bedürfnisse handeln, dann fürchte ich, dass es das nicht ist.
Dementsprechend braucht ein Mensch wohl auch den wirklichen Willen zum Glück, daraus kann die Selbst-Erlaubnis resultieren, den eigenen Traum Realität werden zu lassen.
Eigentlich ganz einfach, oder? ;-)

Jörn Theis am 14. September 2011:

Hallo Stefan,
diese Kampagne vom WDR ist völlig absurd und komisch zugleich.
Der Sender suggeriert einem das zum Glück vor allem Geld fehlen würde und noch schlimmer das man 1 Jahr glücklich sein kann, nur weil der WDR bezahlt, ergo ist das Glück käuflich!

Was für ein Unsinn, gerade das Glück besteht zumeist aus den kleinen Dingen die man nicht kaufen kann, die einem auch ganz alleine gehören sollten. Das Glück ist nicht planbar und schon gar nicht käuflich.

Genau das gleiche gilt doch für einen Lebenstraum, was ist denn die Realisierung einen Lebenstraumes wert, der einem einfach so Geschenkt wird? Nichts, er wird den Frust der Gewinner erhöhen, denn zur Erfüllung dieses Traums benötigt man das was du anführst, Mut, den ersten Schritt gehen und auch Schweiß und Tränen gehören dazu.

Dazu fragt man sich was nach dem Jahr den der WDR passieren soll, Lebenstraum realisiert und jetzt?

Die Kampagne geht der populistischen These nach dass das Glück des Lebens käuflich ist, von einem Rechtlich Öffentlichen Sender sollte man eigentlich höheres Niveau erwarten können.

Gruß Jörn

Dirk Schumacher am 22. September 2011:

Ich finde die Aktion des WDR2 gut - und habe mich auch beworben.
Es stimmt - Glück und Geld sind zweierlei und haben primär nichts miteinander zu tun.
Ich bin Glücklich und sehr zufrieden mit meinem Leben. Lebensträume sind etwas sehr persönliches und etwas, was erreicht werden möchte. Davon aber mein momentanes Glücksempfinden abhängig zu machen finde ich aber sehr gewagt und schon fast pathologisch. Soviel zum Glück und Lebenstraum.
Nun zum Geld. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der Geld eine (Über-)Wertigkeit hat - und zur Verwirklichung meiner Ideen brauche ich leider Geld, welches ich nicht habe.
Ich möchte ein BGE-Mobil (BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen) ausstatten um diese Idee zu den Menschen zu bringen (ähnlich dem Omnibus für Mehr Demokratie). Das Geld für eine solche Ausstattung fehlt mir - und ich habe keine Kontakte zu Menschen, welche mir das benötigte Geld dafür zur Verfügung stellen würden.
Ich glaube, das dies bei den meisten Bewerbungen bei WDR2 die Hauptmotivation ist - etwas zu realisieren, wofür ansonsten kein Geld da ist.
Glücklich werden hat damit aber wenig zu tun.

Grüße

Dirk Schumacher
(01709620629)

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Autor

Stephan Stockhausen

Veröffentlicht

13. September 2011

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