Manufaktur für Wachstum

Falsche Empörung?

Falsche Empörung?

Heute lese ich in der Zeitung, der Fall Alnatura sei für Verdi ein gefundenes Fressen. Wie stimmig ist deren Kritik an Lohnstruktur und fehlenden Betriebsräten?

Die Biokette Alnatura steht am Pranger: über mangelnde Fairness (Lieber Yoga als Tariflohn) und fehlende betriebliche Mitbestimmung empört sich die Gewerkschaft Verdi. Im ersten Moment bin ich erschrocken darüber, dass sich Discounter-Prinzipien offenbar auch in der Welt durchsetzen, die für fairen Handel und fairen Umgang mit Ressourcen steht. Gerade Alnatura-Chef Götz Rehn steht für Aussagen wie z. B. »Fairness ist ein hoher Wert; die Mitarbeiter liegen mir sehr am Herzen.«

Ich muss den Artikel zwei Mal lesen, um final zu verstehen, dass einerseits Verantwortung, Qualifikation und Leistung Einfluss auf die Entlohnung nehmen und andererseits bei Alnatura nicht durchgängig, jedoch vereinzelt unter Tarif gezahlt würde. Ob damit Dumping-Niveau erreicht ist, kann ich nicht wirklich beurteilen. Ich spüre aber den manipulierenden Charakter der Berichterstattung.Die Polemik richtet sich zwischen den Zeilen gegen den »immateriellen Lohnausgleich« in Form eines umfangreichen Seminarprogramms. Daraus Yoga- und Theaterkurse zu zitieren wird dem eigentlichen Anspruch vermutlich kaum gerecht.

Richtig mulmig wird mir bei den Zwischentönen über das fehlende Klagen der Angestellten über die Personalpolitik. Ist es so unwahrscheinlich, dass Menschen auf ein gutes Betriebsklima mehr Wert legen als auf höhere Bezahlung? Das Fehlen von Beschwerden über Benachteiligungen zieht unmittelbar einen unausgesprochenen Verdacht nach sich. Wie wäre es, stattdessen darüber nachzudenken und zu berichten, was möglicherweise anders und damit für Menschen zufriedenstellender läuft?

Die Verdi-Sprecherin begründet die fehlenden Beschwerden und das Akzeptieren fehlender Betriebsräte mit dem Idealismus der Mitarbeiter. Vielleicht sollte man diese einfach mal fragen. Wer öffentlich bislang vom guten Betriebsklima spricht, kann ja nicht nur dressiert worden sein. Bei Verdi gibt es für die Zustände »kein Verständnis« – dem würde ja der »Wunsch nach Verstehen« vorausgehen. Mich erinnern die Vorwürfe jedenfalls an klassische Frontenkämpfe zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern, die an vielen Stellen sicherlich zu kämpfen sind, aber möglicherweise nicht jeder Wahrheit gerecht werden.

Modernes Unternehmertum und kundenorientierte Führung verlangen Akteuren im Unternehmen sicherlich anderes ab, geben zugleich andere Werte jenseits des Mammons zurück. Mir ist die Alnatura-Welt maximal als Kunde bekannt, daher mag ich nicht über das System urteilen. Wer sich empört, sollte daher seine Hausaufgaben erledigen und möglicherweise genauer hinsehen, was denn tatsächlich zur »scheinbaren Zufriedenheit« führt…
Möglicherweise wird dann das Vorurteil widerlegt, dass ein Fehlen von Institutionen gegen demotivierende (und mitunter skandalöse) Arbeitsbedingungen nicht gleichbedeutend sein müssen mit der Anwesenheit motivations- und identifikationsfördernder Rahmenbedingungen.

Daher passt heute auch als Inspiration des Tages: Welches Vorurteil haben andere über Sie?

Kommentare

Max Weber am 10. Juli 2010:

wenn man wie ich bei Alnatura arbeitet kannich für diese Haltung
kein verstädnis haben .
Fakt ist:
Bezahlung 30 % unter Tarif,in köln Einstiegsgehalt1200 Euro Brutto
bei einer 40 Stundenwoche.Pausenzeiten :15 -30min
Wer enen Betriebsrat gründen will wird gefeuert!

Das ist ökologisch und fair….

Stephan Stockhausen am 11. Juli 2010:

Lieber Max,
die Fakten werden Sie als Beschäftigter sicherlich besser kennen als ich. Im Blog erwähne ich ja daher auch, dass ich hierüber nicht urteilen möchte. Vielmehr hat mich die manipulierende Berichterstattung gewundert.
Daher habe ich eher mal ein paar grundsätzliche Fragen aufwerfen wollen.
Dies ändert nichts an meiner grundsätzlichen kritischen Haltung gegenüber Dumpinglöhnen und unzureichenden Arbeitsbedingungen.
Wenn hier ein falscher Eindruck entstanden ist, bedauere ich dies.
Grüße,
S. Stockhausen

derBerliner am 18. August 2011:

Ich arbeite nun seit 3 Jahren im betroffenen Unternehmen. Lehrlinge verdienen weit über Tarif, das Entgeldsystem wurde nun auf Tarifgehalt geändert. Und wer in einer 40-Stunden-Woche nur 15 Minuten Pause macht ist ja wohl auch selbst schuld ;)

Kommentar verfassen

Persönliche Daten
Kommentar

Sidebar

Bloginfo

Im Unternehmerblog finden Sie als Träger unternehmerischer Verantwortung Anregungen und Bedenkenswertes rund um die Themen Unternehmenskultur, Führung und Teamentwicklung. Zudem liefern wir Hinweise auf beachtenswerte Links im Netz, lesenswerte Bücher sowie Inspiration zum Denken und Handeln. Wir freuen uns über Leser, die sich zum Dialog aufgefordert fühlen, kommentieren oder weiterempfehlen.

Autor

Stephan Stockhausen

Veröffentlicht

31. März 2010

Kategorien

Unternehmer