Die Coachinginflation
Der Begriff begegnet mir allenthalben. Logisch, wer sich beruflich mit Coaching beschäftigt, sollte zwangsläufig mit dem Thema und professionellen Angeboten im Kontakt sein. Einerseits. Andererseits schauert es mich zunehmend, wer so alles den Begriff Coaching mittlerweile in den Mund nimmt.
Bei eCoaching habe ich noch nach der Tiefe gefragt, bei skurrilen Videotrainings im Internet frage ich schon nach der Sinnhaftigkeit (Oder sind das nicht beides einfache Wege, zwar nicht mit Menschen in wirklichen Kontakt zu kommen, ihnen aber dennoch das Geld aus der Tasche zu holen?), spätestens bei der Zahnbürste, die als Coach für die Zähne verkauft wird, gruselt es mich.
Ich oute mich hier als Konsument einer Castingshow. Aus gutem Grund. Selbst der Laie kann einen Eindruck von Coaching gewinnen, wenn er die Suche nach der Stimme Deutschlands verfolgt. Im Gegensatz zu Bohlens Trash-Vorführungen sind hier nicht nur ernsthafte Musiker am Start; sie treffen sogar auf coachende Profis. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei der Arbeit Rea Garveys. Vordergründig sind seine Wahrnehmung und Feedbacks bemerkenswert. Im Hintergrund leistet er offensichtliche Coachingarbeit: statt den Musikern seine Ideen aufzuzwingen lässt er deren Persönlichkeit erkennen, schafft den Weg, ungenutzte Potentiale zu heben, lässt er sie offenbar bei sich ankommen und daraus Echtheit und Stärke zu fördern. Toll.
Das Berufsleben ist oft auch eine Castingshow. Insbesondere Führungskräfte fühlen sich mitunter täglich auf dem Prüfstand, ob das Publikum sie weiterwählt oder nicht. Dabei geht manchen auf die Dauer der Blick für die eigenen Stärken verloren oder es werden kluge Tipps anderer schablonenhaft aufgesetzt. Das macht keinen Führungssuperstar. Die eigentliche Kraft entsteht aus Selbstbewusstsein.
Insofern ist und bleibt Coaching nicht nur der Name für eine ganz bestimmte Dienstleistung, sondern auch Synonym für eine ganz bestimmte Haltung in der Arbeit mit Menschen: Die Lösung liegt im Gegenüber.
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Autor
Stephan Stockhausen
Veröffentlicht
25. Januar 2012
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