Unternehmenskultur: Warum wir uns über Kritik freuen sollten

Kerstin Hoffmann, Beraterin für Unternehmenskommunikation, ruft aktuell Kommunikationsprofis zu einer Blogparade zum Umgang mit Kritik auf.

Was tue ich, wenn…?

Davor steht: Was will ich denn?

von Stephan Stockhausen am 18. January 2016 in Unternehmenserfolg

Es gibt unzählige Situationen im Geschäftskontext, in denen wir uns wenig bis keine Kritik wünschen.
Negative PR durch einen Shitstorm oder Reaktionen auf Facebookseiten gehören genauso dazu wie störende Teilnehmer bei Präsentationen (wenn wir vielleicht gerade schon genug mit dem eigenen Lampenfieber zu tun haben) oder kritisches Feedback im Personalgespräch bis hin zum Scheitern von Lessons-Learned-Runden.
Am liebsten hätten wir heile Welt.
Ist auch klar. Denn dann passt unser Selbstbild (vermeintlich) zum Fremdbild. Und es holt uns aus der Komfortzone, wenn mir gerade jemand signalisiert, dass ich es mir schöner eingerichtet habe, als es wirklich ist. Zumindest aus seiner Sicht.

Denn das steckt in Kritik: jemand gleicht seine Bewertungsmaßstäbe gegen ein Erlebnis oder einen Standpunkt ab - und erkennt eine Differenz.
Neulich las ich einen Artikel über den Trend zum Wohneigentum in Deutschland. 80% derjenigen, die mieten, sind total zufrieden. Sie bewerten niedrige Zinsen, Verführungen der Banken oder mögliche Vorsorgerisiken anders als diejenigen, die kaufen.
Und jeder hat aus seinem Blickwinkel Recht.

Damit wird ein Grundproblem im Umgang mit Kritik deutlich:

*Können wir aushalten, dass Wahrnehmung eine Konstruktion und damit subjektiv ist? *Können wir aushalten, dass damit jedes Verhalten Sinn ergibt und jede Anmerkung Ausdruck eines Bedürfnisses ist? *Wollen wir Vergangenheit anklagen oder uns dafür rechtfertigen oder gemeinsam für die Zukunft lernen?

Dann hätten wir zumindest schon mal eine Grundhaltung, die Augenhöhe ermöglicht. Und aus dieser Augenhöhe kann mein eigenes Bild vollständiger oder die Kehrseite der Medaille sichtbar werden.
Will ich das wirklich?

Leider erlebe ich in der Geschäftswelt oft genug, dass es damit nicht weit her ist.
Kritik dient eher der Sicherung eines Status, dem Abstecken eines Claims, der Sicherung von Interessen, der Vermeidung von Bedrohung, der Abwertung anderer, der Aufwertung der eigenen Person usw.
Es sind Spiele unter Erwachsenen, Drama-Dreiecke, aus denen nichts entsteht und Fortschritt oder Lernen stecken bleiben.

Diese Spielchen sind zugleich Ausdruck der Tatsache, dass wir in Beziehung zueinander stehen.
Wer Kritik äußert, dem bin ich damit entweder so wichtig, dass er mir diese an den Kopf werfen mag - Danke für die Wertschätzung!
Oder ich erscheine so bedrohlich, dass die Verteidigungslinien aufgebaut werden müssen - Danke für die Wertschätzung!
Oder meine Idee ist noch nicht gut genug und braucht weitere Anregungen, die über Kritik ihren Raum finden - Danke für die Wertschätzung!

Wir sollten uns viel häufiger freuen, dass sich da jemand die Mühe macht, sich offen mit uns oder unserem Tun oder Denken auseinanderzusetzen.
Nehmen wir die Beziehungseinladung doch einfach mal an. Bedanken uns und fragen nach:

*Was habe ich übersehen? *Wie könnte ich es anders machen? *Welches Bedürfnis habe ich missachtet/verletzt? *Was lernen wir gemeinsam für die Zukunft daraus? * Welche Verantwortung magst du dabei übernehmen?

Die letzte Frage klingt merkwürdig. Und sie ist wichtig.
Beziehung geht alle Seiten an und aus Fehlern zu lernen ist das eine, frühzeitige Warnsignale oder Unterstützung beim Lernen zu bekommen ist das andere. Dann kommt Beziehung auch voran und die Kritik war ein konstruktiver Impuls dazu.

Will Kritik nur stören oder passiv fordern, wirkt sie destruktiv. Das ist m. E. auch eine der Schwächen in klassischen Kundenbefragungen oder 360°-Feedbacks für Führungskräfte.
Diese Formen bauen Erwartungen auf, hinter denen der Beurteilte herlaufen muss. Er kann eigentlich nur enttäuschen.
Arbeit an echten Feedback- und Fehlerkulturen ist anstrengender.
Denn es fordert heraus, sein Selbstbild in Frage stellen zu wollen und es zeigt, wie es um Beziehung wirklich gestellt ist:

*Wie empathisch ist das Bemühen, wirklich zu verstehen? *Wie offen wird tatsächlich ausgesprochen, was im Herzen los ist? *Wie viel Vertrauen herrscht, dass Auskunft über die Wirkung von Führungsverhalten mir später nicht als Bumerang an den Kopf fliegt?

Unsere Erfahrungen und Bewertungsmuster sind da sehr aktiv und wirken oftmals eher hemmend.

Dem können wir mit Haltung gegenübertreten. Wenn wir uns über Kritik ehrlich freuen, wenn wir nachfragen, es wirklich wissen und verstehen wollen, uns bedanken und daraus lernen, senden wir ein Beziehungssignal.
Wichtig ist dabei nicht, alles zu ändern, sondern erst einmal verstehen zu wollen. Und wichtig ist auch nicht, dass ich mit meiner Kritik „durchkommen“, sondern meinem Gegenüber von Herzen beschenken will: mit meinem Bild von der vermeintlichen Wirklichkeit.

Zum Abschluss noch eine Anregung, wie kreative Sitzungen nicht an vorschneller Kritik scheitern.
Mit Teams favorisiere ich gern nach einer Phase der schweigenden Ideenfindung (jeder für sich) folgendes Vorgehen:

  • Eine Idee wird präsentiert.
  • Verständnisfragen sind zugelassen, danach wird einmal von den Zuhörern zurückformuliert, was verstanden worden ist (wenn das nicht zueinander passt: Korrigieren).
  • Im Anschluss suchen alle in der Runde gemeinsam die Chancen, Möglichkeiten und den Nutzen in der Idee.
  • Danach wird ausgetauscht, wo die Risiken in der Idee stecken…
  • … um anschließend miteinander herauszufinden, wie die Idee verbessert werden kann, damit die Risiken kleiner und die Chancen größer werden.
  • Abschließend kommt die verbesserte Idee in den Vorschlagspool. Mit dem kann später weitergearbeitet werden: Ideen verknüpfen, priorisieren usw.

Dieses Vorgehen hilft immer dann, wenn eine Gruppe zu schnell zur Kritik neigt und damit die Wertschätzung für Neues leidet. Das zerstört sonst dauerhaft die Motivation zum Engagement oder sorgt für ein Klima der Konkurrenz.

P.S.: Noch eine sprachliche Zauberformel: Ersetzen Sie doch einfach mal das Wörtchen „Aber“ durch das Wort „Und“…

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