Endlich mal emotional werden

Immer schön sachlich bleiben. Das ist im Geschäftsleben die Durchhalteparole, wenn die vermeintlich weichen Themen an die Oberfläche kommen. An dieser Stelle eine Aufforderung, genau diese in solchen Momenten zur Sache zu machen.

von Stephan Stockhausen am 22. October 2014 in Teamerfolg

Im Geschäftsleben haben wir Menschen uns über Jahrzehnte hinweg anerzogen, hart bei der Sache zu bleiben, nüchtern miteinander diskutieren zu wollen, in schwierigen Situationen die Gefühle unter Kontrolle zu halten und damit vermeintlich effizienter miteinander zu arbeiten.

Die vermeintlich weichen Themen anzufassen, scheuen insbesondere Verantwortungsträger in Führungsposition oder Verhandlungspartner mit Lieferanten und Kunden nach wie vor.
Das Weiche dieser Themen liegt daran, dass der eigentliche Inhalt oftmals schwer zu fassen ist, unklar bleibt, indifferent ist, in seinen Ausmaßen und Wirkungen wenig steuer- und kontrollierbar erscheint, sie nicht mit Verstand und Logik erklärbar scheinen und doch sind sie immer da, wenn sich Menschen begegnen und sie haben oftmals harte Auswirkungen.

Ein Beispiel:
Setzen sie sich mit einem Menschen ihres Vertrauens gegenüber, nehmen Sie sich wertschätzend in den Blick, schauen Sie sich an und zwischendurch nimmt einer der beiden Gesprächspartner oder abwechselnd sein Smartphone in die Hand, wirft einen Blick darauf und kehrt dann in die gemeinsame Blickaufnahme zurück.
Fragen sie sich gegenseitig danach, welches Gefühl das Abschweifen des Blickes ausgelöst hat und fragen Sie sich auch wie viele der vermeintlich rationalen Argumente, dass dies notwendig gewesen sei, dieses Gefühl beruhigt.
In der Regel lösen diese Situation das kindliche Gefühl nicht wahrgenommen, aus dem Blick geraten zu sein, aus. Wir fühlen uns zurückgesetzt, weniger wert, unbeachtet, zurückgestellt. Erfahrungsgemäß helfen Kindern wenig die Erklärung wie „Das ist jetzt wichtig.“, „Das ist ein dringendes Problem.“, „Das war nur eine kurze Info, hier muss ich einmal schnell reagieren, damit der Prozess weitergeht, dafür bin ich halt verantwortlich und werde bezahlt.“ kaum aus.
Diese Argumente erscheinen uns logisch - und sie erreichen unser Gefühl nicht. Sie können dieses kleine Experiment auch gern mit einem Kind durchführen, das ihnen vermutlich noch viel ehrlicher mitteilen kann, welches Gefühl denn gerade aufkommt.

Denn als Kind haben wir durchaus Zugang zu unseren Gefühlen.
Was uns erwachsen werden lässt, ist das Reflektieren, das vermeintliche Kontrollieren unserer Gefühle, das rationale Handeln.
Und dabei verlieren wir im Laufe des Erwachsenwerdens oftmals den Zugang, die Verbindung, zu dem was eigentlich ist und versagen uns, dass dies nicht nur Realität, sondern auch Autorität sein darf.

Aus der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir mittlerweile, dass all unser Verhalten emotional getaktet ist. Unser Verstand ist die Institution, die uns darüber nachdenken lässt und mit der wir bewusst gegeneinander abwägen können, welches Gefühl, welches Bedürfnis gerade Vorrang bekommen sollte.
In schwierigen Entscheidungssituationen erleben wir, dass unser Verstand an seine Grenze kommt, wenn wir zwei Seelen in unserer Brust spüren und hin- und hergerissen sind zwischen Variante A und Variante B, zwischen Engelchen und Teufelchen.

Wer an das rein Vernunftorientierte, also den homo oeconomicus glaubt, dem zeigen die neurowissenschaftlichen Studien und die experimentellen Ergebnisse aus der Psychologie sehr deutlich, welchen Irrglauben wir Menschen da seit vielen Jahrzehnten aufsitzen.
Ein weiteres Beispiel:
Wer Stunden vor einem Geschäft sitzt um ein neues Smartphone für viel Geld zu erwerben, obgleich es das alte noch tut und wahrscheinlich technisch auf einem vergleichbaren Entwicklungsstand ist, der tut dies nicht aus rein rationalen Abwägungen. Hier steht an, wer einer der ersten sein will, wer sich mit dem Markenimage schmücken möchte, wer sich mich nur mit dem Neuesten in der Hand sicher fühlt, wer sich mich einer Fangemeinde zugehörig fühlen möchte.
Eines der inzwischen bekannten großen Bedürfnisse unseres Gehirns, die sich in unserem emotionalen Belohnungssystem und damit in rein biochemischen Prozessen in unserem Körper widerspiegeln, hat hier die Macht über uns genommen. Und mit dem einen oder anderen Argument über Produktdesign oder Alter des bisherigen Smartphones oder Wiederverkaufswert des bisherigen Gerätes versuchen wir, entweder uns selbst oder anderen gegenüber die Rechtfertigung dafür zu geben, dass wir eine vollständig irrationale Entscheidung getroffen haben.

Und dies begegnet uns ständig,

  • wenn wir in schwierigen Verhandlungssituationen stecken
  • wenn in einem Unternehmen der Ruf laut wird das Menschen für ihre Leistung eine bestimmte Gratifikation erhalten sollen
  • wenn wir aneinander vorbei reden und blockieren
  • wenn wir die Pläne eines anderen torpedieren

Dann zeigt sich sehr deutlich, dass hier im Hintergrund nicht der Verstand unser Verhalten treibt, sondern das Gefühl.
Und worin wir sicherlich richtig liegen, ist, die aggressiven Gefühle kritisch zu betrachten. Es nützt uns erfahrungsgemäß wenig, in die Angriffsposition zu gehen, die sich in Wut, Trotz, Widerspenstigkeit und Rachegefühlen zeigt. Alternativ geht es übrigens auch passiv aggressiv, was sich in Schleimerei, Opportunismus, Verschweigen, Zurückgehalten, Jammerei zeigt.
All diese Gefühle wirken selten konstruktiv, sondern heizen eher eine Negativspirale an. (Leider sind auch Stolz und Freude oftmals im Businesskontext verpönt…)

Hinter diesen nach außen gerichteten Gefühlen verstecken sich zugleich immer unsere nach innen gerichteten Bedürfnisse und Erwartungen, unsere Sehnsüchte, unsere Wünsche an ein Erleben innerhalb des Miteinanders.
Wir wollen gesehen sein, dazugehören, unseren Beitrag leisten können, wertgeschätzt werden, uns im richtigen Verhältnis von Geben und Nehmen fühlen, Respekt spüren usw.

Diese tiefer sitzenden Emotionen zur Sache zu machen, auf den Tisch zu bringen, meinem Gegenüber zuzugestehen und sie gegebenenfalls aktiv zu hinterfragen, schafft uns Klarheit im Miteinander und mit uns selbst. Damit haben wir dann auch die Chance, uns wieder auf die Sache zu konzentrieren, gemeinsame Lösungen zu finden, Kreativprobleme zu analysieren und zu bewerten, Kennzahlen zu interpretieren, Prozesse zu definieren, strategische Ziele zu erarbeiten und so weiter.

In manchen Unternehmen hat sich die Mentalität eingeschlichen, dass nur ein emotionsfreier Raum ein effizienter und erfolgreicher Raum für Unternehmen sein kann.
Damit wird einem wichtigen, weil natürlichen Teil des Menschen die Existenzberechtigung abgesprochen.
Wir nehmen einen Teil der Menschen aus dem Blick.
Phänomene wie Burn-out, Bore-Out, Depression, Sinnkrise und ähnliches sind Signale der eigentlichen Natur des Menschen.

Lebendige Unternehmen lassen Emotionen zu. Hier schließen sich wirtschaftlicher unternehmerischer Erfolg und Menschlichkeit im Sinne von Emotionalität nicht aus, sondern verstärken einander. Hier sorgen Emotionen für Klarheit in schwierigen Situationen, für Identifikation mit gemeinsamen Zielen, für Bedeutung von Schwierigkeiten, die zu klären sind - und sie sorgen auch für Begeisterung, Leidenschaft und Engagement.
Hier werden Fehler genauso wertgeschätzt und betrachtet wie Erfolge und diese werden dann auch gefeiert.

Unternehmen ohne Emotionen verkommt zur reinen Maschinerie.
Das kann in einer rein auf Logik und Maschinerie ausgerichteten Unternehmenswelt erfolgreich sein.
Zugleich interagieren innerhalb eines Unternehmens Menschen und sie interagieren mit ihrer Umwelt, also ihren Kunden, Lieferanten, Stakeholdern. Und zwischen Menschen wirken Emotionen.
Und so mag das logische Unternehmen erfolgreich sein, zugleich wird stets die Frage offenbleiben, welcher Erfolg möglich ist, wenn auch den Emotionen einen Platz zugebilligt würde.

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